Drei Hiobsbotschaften

Es ist schwer zu sagen, wie Hiob sich damals wohl gefühlt haben mag. Zu seinen Lebzeiten gab es noch keine Mobiltelefone, die die wohlverdiente Müdigkeit bereits 6 Uhr morgens unterbrechen. Wahrscheinlich hat er sich auch nicht in Übermaßen Koffein zugeführt, damit ihm die Augen nicht gleich wieder zufallen. Dennoch verband ihn an diesem Wochenende etwas mit einem jungen Mannschaftsleiter der Neuzeit, mihi: Eine Reihe zu tiefst erschütternder Botschaften.

Doch der Reihe nach: Unsere Abfahrt zur 5.Runde der Sachsenjugendliga am 07.01.2006 zur Usg Chemnitz II verlief planmäßig. Wir trafen planmäßig am Treffpunkt in Eckersback Beach ein, Frau Klemm hatte planmäßig den großen Wagen vorgefahren und Kay kam planmäßig zu spät.

Da die USG zeitgleich die Bezirksmannschaftsmeisterschaft der Unter-10-Jährigen austrug, mussten die U20-Teams von der Mensa der Universität auf die etwas edlere Cafeteria Steinhaus ausweichen. Große Tische, bequeme Sitze und formschöne Schachfiguren sorgten für eine angenehme Atmosphäre. Hinzu kam eine Art Trennwand, hinter der ein kleines Getränkeangebot wartete. Dort konnte man sich als Mannschaftsleiter sehr schön seinen eigenen VIP-Bereich einrichten und sich seinen Hausaufgaben widmen. Oder auch denen anderer...

Was will man sonst auch tun? Die Altersbeschränkungen des Schachbunds zwingen zum passiven, nervenaufreibenden Abwarten. Man ist machtlos und muss wie Hiob mit ansehen oder anhören, wie die Dinge gegen den Baum laufen.

Was hat sich also ereignet?
An dem Tage aber, da seine Spieler und Spielerinnen saßen und Schach spielten im Hause der Steinhauspassage, drang ein Bote in den VIP-Bereich und sprach: David spielte und zog den Springer nach c3. Siehe, da ergriff sein Gegner die Dame, und die Schwarzen fielen bei ihm ein, und erschlugen die Bauern mit der Stumpfheit des Holzes und knechteten den König.

Äh... Was? Nochmal mit anderen Worten: David übersah Matt und wir lagen 0:1 hinten. Als ob es nicht schon Hiobsbotschaft genug wäre, dass wir erstmalig Brett 5 verloren geben mussten, kam kurz darauf mein Bote - es war Erik - ein zweites Mal, um mich bei der Schreibarbeit zu unterbrechen: Auch er, unser sechstes Brett, hatte aufgegeben, nachdem ihm seine Gegnerin, Annika Schätz, ohne jede Kompensation eine Figur gemopst hatte. 0:2!

Wer jetzt das Dritte aller guten Dinge erwartet, liegt richtig: Hiobsbotschaft Nummer 3 folgte von Brett Nummer 4. In einer Sekunde der Unachtsamkeit übersah Isabell eine Kombination, die sie den Turm in Abtausch für einen Läufer kostete. So wurde, was vorher eine vermeintlich gute Stellung war, zur Ruine, genau wie die Situation unserer Mannschaft: 0:3 lagen wir nun hinten und hätten schon fast alle Hoffnungen begraben können, wenn da nicht Michaels gekonnte Figurenführung am ersten Brett gewesen wäre:

Michal Schulz - Marius Leschner



Die schwarzen Figuren stehen schlecht koordiniert, die beiden Gesellen auf der Damenseite sind zu Zuschauern degradiert. Michael nutzt diesen Augenblick für das durchschlagende Figurenopfer: 37. Sxg6! (das einfache 37. Th8+ wäre auch gut gewesen.) 37. ... Lxg6 38. Lxe6+ Sxe6 39. Txg6+ Kf7 40. f5 Zur Zeitkontrolle stehen zwei verbundene Freibauern im Abtausch für eine Kompensation bereit, um zusammen mit Turm und Läufer den schwarzen Monarchen zu jagen. Die Abseitsstellung von Turm und Damenspringer macht sich jetzt umso mehr bemerkbar.40. ... Sf4 41. Tg7+ Kf8 42. g6 Sh5 43. Tf7+ Kg8 44. Le5 Ta8?? 45. Th7! und schwarz verliert wegen der Mattdrohung seinen Springer. Die f- und g-Bauern tun ihr Übriges. 1-0

Dieser Sieg ließ neue Hoffnung keimen, denn auch Kay konnte seinen Gegner in eine bedrängliche Lage bringen. Mit dem König in der Mitte des Brettes und seinen mehr als unkameradschaftlich zusammenarbeitenden Figuren erlag jener schließlich dem Druck:

Kay Schaarschmidt - S.Friedland



34. ... Tc2! Jetzt droht Matt auf e2. Der Springer kann aber auch nicht ziehen, weil der schwarze König sonst via Tc1+ ins Jenseits befördert wird. Der Versuch, ihn mit einem Turm zu decken, scheitert am kuriosen Dxe2+!. Deswegen beschloss Weiß, mit der Dame zu decken... 35. Dg2?? ... und manövriert sich dabei in eine Stellung, die fast schon nach einer Selbstmattkomposition aussieht. Kay vollendet gnadenlos: 35. ... Lb4+ 36. Kf1 Tc1+!! 37. Sxc1 Dd1# 0-1

Jetzt hing alles an Miguel, der an Brett 3, dem letzten verbleibenden Brett, die weißen Steine ins Feld führte. Doch seine Stellung sah nicht vielversprechend aus. Miguel war bereits in der Eröffnung überrascht und konnte trotz souveräner Spielweise in seiner Zeitnot den Vorteil nicht festhalten.

Miguel Rivera Boris - Ingmar Oltmanns



In dieser Stellung hat Schwarz einen Mehrbauern, Weiß hat dafür strukturelle Kompensation. Die Chancen zu gewinnen sind aber für beide aufgrund der ungleichfarbigen Läufer recht gering. In der gegebenen Matchsituation zeigte Miguel Courage und gab einen weiteren Bauern, um in einem Königsangriff vielleicht doch noch Siegchancen zu erringen. 43. ... Td3+ 44. Kb4!? Tb3+ 45. Kc5 Txb2 46. Lg5+! bringt den König in Bedrängnis. Leider scheint trotz dreier Angreifer die nötige Feuerpower zu fehlen, und dem Schwarzen bleiben genügend Möglichkeiten, sich zu verteidigen. 46. ... Kd7 47. Td8+ Kc7 48. Te8! droht Te7+ gefolgt von Kb6 48. ... Kb7 49. Te7+ Ka6 50. Lf6 Tc2! Damit hat sich Schwarz korrekt verteidigt und Miguel konnte nach 51. Le5 Ld5+ dem Dauerschach nicht mehr aus dem Weg gehen. ½ - ½

Damit stand sie also fest: Die erste Niederlage in dieser Saison, und darüber hinaus im gesamten zweijährigen Bestehenszeitraum unserer U20. Schade, denn die frühzeitigen Punktverluste hätten an keinem der hinteren Bretter wirklich sein müssen. Dennoch spricht es für die gesamte Mannschaft, dass sie sich trotz 3:0-Rückstandes nicht hängen lässt, an allen anderen Brettern zäh weiterkämpft und hohe Risiken eingeht.
Hier noch einmal die Ergebnisübersicht:

USG Chemnitz II   SV M Wilkau-Haßlau

Marius Leschner
 0 : 1
Michael Schulz
Georg Fridland
 0 : 1
Kay Schaarschmidt
Ingmar Oltmanns
 ½ : ½
Miguel Rivera Boris
Viet Le Minh
 1 : 0
Isabell Hirsch
Tobias Muehlpfort
 1 : 0
David Klemm
Annika Schaetz
 1 : 0
Erik Baumann
 
 3½ : 2½
 

Wie geht es jetzt weiter? Wer die Geschichte Hiobs kennt, der weiß, dass er sich trotz weitaus zahlreicherer und vor allem schlimmerer Rückschläge nicht hat unterkriegen lassen. Da wäre es vermessen, jetzt die Zuversicht und das Vertrauen in meine Spieler zu verlieren. Das harte Pflaster die U20 haben wir bisher mit Bravour gemeistert und lassen uns von einer Niederlage nicht aus der Bahn drängen.

Als nächstes wartet Görlitz auf uns. Das Spiel gegen die Grenzstädter wird sich wohl als entscheidendes Vier-Punkt-Spiel herausstellen. Das Schlagwort heißt weiterhin Aufstieg - da kann sich wieder jeder ein Bienchen verdienen.

Markus Bindig


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